64 Braſilien.
nichts. Jede3 Kind bekommt eine Lektion zum Auswendiglernen auf, ſeht ſich
auf die Bank, lernt ſie, und ſagt ſie dann dem Lehrer, wenn dieſer ſich näm-
lic Zeit nimmt, oder im anderen Falle einem größeren Schüler auf; kann er
ſie nicht, ſo muß er nachſigen. Dur dieſes laute Einüben entſteht ein Lärm,
daß man ihn weit in die Straße hinein hören kann. Leſen lehrt ein Schüler
den andern; ſelten, daß ein Lehrer ſich einigermaßen darum beſonders kümmert,
So kommt es, daß die meiſten Kleinen 1 Jahr, auch 2, die Schule be-
ſuchen und die Buchſtaben kaum kennen. Dieſe muß aber jeder Schüler
kennen, bevor er anfangen kann zu buchſtabieren. Von Schreiben und Rech-
nen iſt in den erſten Schuljahren noch keine Rede. Aus dieſem Grunde be-
ſtehen auch ſo viele Privatſhulen ; denn jeder, der es halbwegs kann, ſhit
ſeine Kinder dahin, obgleich dieſelben ein ziemlich hohes Schulgeld verlangen und
die Regierungsſhulen umſonſt ſind. Außer den deutſchen gibt es auch viele
braſilianiſche Privatſhulen. Die Kontrolle der Shüler iſt ebenſo mangelhaft.
Der Generalſchulinſpektor, mit 6000 -4& Gehalt und ſeiner ärztlichen Praxis,
der, nebenbei geſagt , ſtet3 vom Lehrfach nichts verſteht , geht größtenteils nicht
aus der Stadt und auch in dieſer beſucht er ſelten eine Schule; aufs Land
kommt er faſt nie, ſondern läßt ſich die Berichte zuſchien , die immer befrie-
digend ausfallen. Bei jeder Schule beſteht ein Ortsſchulaufſeher ohne Gehalt.
Häufig verwandt oder ſonſt gut bekannt und befreundet mit dem Lehrer läßt
er dieſen machen, wa3 er will; hält er Schule, ſo iſt es gut, hält er keine und
ſchließt das Haus , um auszureiten, ſo hat auch niemand etwas dagegen.
Die Leute ſchimpfen zwar, aber den Mut, eine Anzeige zu machen , hat keiner;
man will dem Lehrer nicht |haden.“ Daß ſo entgegengeſetzte Berichte zu uns kommen
können, kann doch nur teilweiſe dem Umſtande zugeſchrieben werden, daß jede Provinz
eine andere Schulverwaltung und Sculgeſeßgebung hat. Sicher und beſtimmt aber
iſt folgendes: Die Regierung giebt viel Geld für das Schulweſen aus. Der
Unterricht iſt frei und arme Kinder erhalten die Bücher und Screibrequiſiten
umſonſt. Allein wie das ganze braſilianiſche Staatsweſen, ſo iſt auch die
Sdculleitung nur eine Parteiwirtſchaft und es liegt den Liberalen, die ſic) im
Beſitze der Macht befinden, nur daran, zu einträglichen Stellen zu kommen.
Die Geiſtlihen haben keinen Einfluß auf die Schule und der Lehrer hört den
Katechismus ab, wenn er will. Zn dem Kollegio Don Pedro I1., dem erſten
der Hauptſtadt, das allen anderen als Muſter dienen joll, hat man den
Religionöunterricht im allgemeinen abgeſchafft und erteilt ſolchen nur denjeni-
gen Knaben, deren Eltern e3 verlangen. Die braſilianijchen Geiſtlichen ſind
ebenſo indolent, wie die übrigen Braſilier und fühlen die unwürdige Lage
nicht, in der ſie leben. Will einmal ein Biſchof für die Rechte der Kirche
eintreten, ſo wird er eingeſperrt und zum Lande hinausgejagt, wie das dem
Erzbiſchof von Olinda in neuerer Zeit begegnete. Nur die eingewanderten
Geiſilihen beider Konfeſſionen geben ſich der Leitung der Schulen hin, an denen
ſie arbeiten ; das ſind aber dann reine Konfeſſionsſc die übrigen Schulen beſchaffen iſt , erſehen wir aus dem angeführten Bericht
des Lehrers Poisl in Portalegre. Bei einer Bevölkerung von 30,000
Einwohnern gibt es daſelbſt 20 Regierungsſ Kinder, und 6 Privatſchulen mit ungefähr 300 Kindern, alſo mit 15-1600
Kindern. Zm ganzen ſollen von 3 Millionen Schulkindern nur 200,000,
mithin !/,-, die Schule beſuchen. Die Regierung ſoll nach den einen Berichten
8, nach anderen 25 Millionen Mark für das Schulweſen ausgeben. Ganz
beſonder3 proſperieren die katholiſchen Ordensſc iſt und Erfolge erzielt werden können, weil da allein nach feſtſtehenden und
erprobten Grundſäßen erzogen wird. Es gehört de8halb die ganze Dummheit
und Verbiſſenheit liberaler Shulblätter dazu, um ſchreiben zu können: „Die
geringen Leiſtungen der Regierungöſchulen haben es veranlaßt, daß überall im

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.